Es sollte ein ganzes Wochenende werden. Geworden ist es ein Tag. Doch wer am Samstag, 12. September, auf der Gustorfer Höhe war, wird sagen: Dieser eine Tag hat gereicht.
Unter dem Motto „75 Jahre Segelflug im Rhein-Kreis Neuss“ hatte der Aero-Club Grevenbroich-Neuss zum Flugplatzfest eingeladen. Der Sonntag fiel dann buchstäblich ins Wasser – das Wetter ließ keinen Flugbetrieb zu, die Veranstaltung wurde abgesagt. Allein am Samstag aber kamen etwa 2000 Gäste auf den Platz, bis zum Abend gab es mehr als 80 Starts und Landungen mit Segel- und Motorflugzeugen, und vier Besucher meldeten sich noch am selben Tag als Interessenten für die Segelflugausbildung.
Insgesamt waren während des Festes sieben Segel- und drei Motorflugzeuge im Einsatz – zum Teil von befreundeten Vereinen.

Die Feierstunde: drei Generationen auf einer Bühne
Um 11 Uhr eröffnete Präsident Karsten Hahn die Feierstunde und blickte auf 75 Jahre Vereinsgeschichte zurück. Es folgten Grußworte des stellvertretenden Landrats Udo Bartsch (SPD) und des stellvertretenden Grevenbroicher Bürgermeisters Tim Heidemann (CDU).
Heidemann fand dabei den Satz, der es später in die Zeitungsüberschriften schaffte: „Fliegen ist Freiheit.“ Und er erzählte die Geschichte eines seiner früheren Schüler: Felix Lohren, den er als Jugendlichen begleitet hat und der beim Aero-Club erst Segelflugpilot und dann UL-Pilot wurde. Heute ist Lohren Kassierer des Vereins. Eine Geschichte, die besser als jede Statistik erklärt, was Jugendarbeit im Luftsport bewirken kann.
Dass es überhaupt 75 Jahre zu feiern gibt, ist dem Einsatz mehrerer Generationen zu verdanken – und genau die kamen an diesem Vormittag zu Wort. Norbert Diekneite, der die Vergangenheit noch miterlebt hat, berichtete über die Geschichte der Turmsegler Neuss. Günter Keser erzählte aus der Grevenbroicher Vereinsgeschichte. Unter den geladenen Gästen war auch der frühere Landrat Hans-Jürgen Petrauschke, dem der Verein seit vielen Jahren verbunden ist.
Zwei Wurzeln, ein Verein
Die Geschichte, an die dabei erinnert wurde, beginnt 1951 in Neuss-Reuschenberg. Junge Menschen aus der katholischen Jugend der St.-Elisabeth-Gemeinde hatten sich mit Modellbau beschäftigt – und gingen nach der Wiederzulassung des Segelflugs durch die Alliierten ein deutlich größeres Projekt an: Sie bauten in einem Raum unter dem Glockenstuhl des Kirchturms der Reuschenberger St.-Elisabeth-Kirche einen Doppelraab, einen zweisitzigen Schulgleiter, benannt nach seinem Konstrukteur Fritz Raab. Finanziert wurde er unter anderem über einen großen Tanzball. Am 1. Mai 1955 absolvierte das Flugzeug seine ersten Flüge. Aus dem Kirchturm leitete sich auch der Vereinsname ab: Turmsegler Neuss.
In Grevenbroich entwickelte sich der Luftsport parallel. 1957 gründeten rund 50 Segelflieger den LSV Erftland mit den Abteilungen Segelflug und Modellflug; ab 1960 gab es zudem eine Betriebssportgemeinschaft beim RWE im Kraftwerk Frimmersdorf. 1967 schlossen sich die Gruppen zum Aero-Club Grevenbroich zusammen.
Ein eigener Platz blieb lange ein Traum. Geflogen wurde auf fremden Geländen – in Nörvenich, in Eudenbach im Westerwald, seit 1972 als Ferienlager auch regelmäßig im französischen Cherence. Zunächst begann der Bau des Modellfluggeländes auf der Gustorfer Höhe; am 14. August 1993 startete das erste Segelflugzeug auf dem neuen Segelfluggelände Gustorfer Höhe. Der Ausbau des Geländes dauerte zwei Jahre und mehr als 20.000 Arbeitsstunden der Mitglieder, 1995 konnte der Segelflugplatz offiziell eingeweiht werden. Seitdem haben die Grevenbroicher mit dem Segelflugplatz Gustorfer Höhe eine Heimat.
2005 näherten sich die Vereine aus Neuss und Grevenbroich an, 2007 entstand durch die Fusion der heutige Aero-Club Grevenbroich-Neuss, der inzwischen rund 160 Mitglieder und derzeit rund 45 Flugschülerinnen und Flugschüler zählt.

Der Flugbetrieb: vom Gummiseil bis zum Motorflug
Wer an diesem Samstag auf den Platz kam, konnte den Bogen über diese 75 Jahre auch in der Luft sehen. Ein Höhepunkt war der Gummiseilstart eines SG 38 – eines offenen Schulgleiters, wie ihn die Fliegergeneration der Gründerjahre geflogen hat. Gestartet wird dabei nicht mit Winde oder Schleppflugzeug, sondern von Hand: Zwei Mannschaften spannen ein V-förmiges Gummiseil, eine dritte hält das Flugzeug am Heck fest, bis das Kommando zum Loslassen kommt. Eine Technik aus den 1930er Jahren – und für die Zuschauer ein Bild, das man so selten zu sehen bekommt.

Daneben lief der reguläre Betrieb: Windenstarts, Kunstflugvorführungen und Einführungsflüge. Wer wollte, konnte selbst mitfliegen – im Segelflugzeug für 35 Euro oder im Motorflugzeug für 55 Euro; im Einsatz waren dabei eine Robin DR 400 und eine RS 180 Sportsman. Über 100 Gäste haben das Angebot genutzt.


Hilfe von Freunden: die Bergheimer und der Niederrhein
Ein Programm dieser Dichte stemmt kein Verein allein. Besonders herzlich danken wir unseren Freunden vom Luftsportclub Erftland e.V. in Bergheim sowie dem Luftsportverein Grenzland e.V. aus Grefrath am Niederrhein, die uns mit Fluggerät und Piloten unterstützt haben. Dass Nachbarvereine an einem solchen Wochenende Material verladen, anreisen und den ganzen Tag mit anpacken, ist alles andere als selbstverständlich – und es zeigt, wie eng der Luftsport im Rheinland zusammenarbeitet.
Wir revanchieren uns gern – spätestens beim nächsten Flugplatzfest in Bergheim oder Grefrath.

Die Modellflieger: großer Auftritt der Abteilung Modellflug
Der Aero-Club hat zwei Abteilungen, und die Modellflieger haben an diesem Samstag eindrucksvoll gezeigt, warum. Ihre Präsentation und die mehreren Flugvorführungen im Laufe des Tages fanden beim Publikum großen Anklang – präzise geflogen und für die Zuschauer aus nächster Nähe zu verfolgen. Verstärkung bekam die Abteilung dabei von befreundeten Modellfliegern, die eigens für das Event angereist waren.

Dass Modellflug und Segelflug auf der Gustorfer Höhe unter einem Dach stattfinden, ist übrigens kein Zufall: Beide Wurzeln des Vereins liegen im Modellbau – in Neuss wie in Grevenbroich fing alles mit dem Bau kleiner Flugzeuge an.
Für Familien – und für die, die bleiben wollen
Zahlreiche Familien kamen auf das Gelände, schauten sich die Flugzeuge aus der Nähe an und verfolgten Starts und Landungen. Für die Kinder gab es zwei Hüpfburgen und ein Fußballdart, dazu eine Tombola mit attraktiven Gewinnen, Kaffee und Kuchen sowie Speisen und Getränke. Am Abend wurde der Hangar zur Konzertbühne: Die Band O-SIXTYONE spielte im offenen Hangar zwischen den Flugzeugen – eine Kulisse, die man so nicht alle Tage hat.

Das Wichtigste aus Vereinssicht aber passierte nebenbei, im Gespräch am Zaun und an der Startstelle: Mehrere Gäste meldeten sich als Interessenten für den Segelflug. Nachwuchsarbeit ist beim Aero-Club keine Sonntagsrede, sondern Alltag.
Danke
Ein Fest dieser Größe entsteht nicht von selbst. Organisiert haben es Henning Klemp und Michael Hoffmann, durch das Programm führten Henning Klemp und Frank Thiess. Besonderer Dank gilt unserer Jugendgruppe, die tatkräftig mit angepackt hat – beim Auf- und Abbau, an der Startstelle und überall dort, wo Hände gebraucht wurden.
Danken möchten wir auch unseren Partnern aus der regionalen Wirtschaft. Das Einkaufszentrum „Monti“ mit Centermanager Marcus Töpp hat das Fest als Sponsor maßgeblich unterstützt. Zu Gast waren außerdem Sonja Jansen von der Sparkasse Neuss sowie Kristijan Madzar von unserem Nachbarn RWE – einem Unternehmen, das mit dem Verein historisch verbunden ist: Aus der Betriebssportgemeinschaft des Kraftwerks Frimmersdorf ging 1967 einer der beiden Vorläufervereine hervor. Unser Dank gilt außerdem der NEW, die unsere Arbeit über das Jahr hinweg unterstützt.
Ein eigenes Dankeschön geht an zwei Männer hinter der Kamera. Dieter Staniek, seit vielen Jahren als Fotoreporter und Kameramann in Grevenbroich unterwegs und den Lesern der Lokalzeitung bestens bekannt, war den ganzen Tag auf dem Platz – und hat uns anschließend seine kompletten Aufnahmen zur Verfügung gestellt. Wer weiß, wie viel Arbeit in einer solchen Bildserie steckt, weiß auch, was für eine Geste das ist.
Ebenso großzügig war Ulrich Bienert vom Luftsportclub Erftland, der ebenfalls den Tag über fotografiert und uns eine große Zahl seiner Bilder überlassen hat. Viele der Fotos in diesem Beitrag stammen von den beiden.
Und es gibt noch mehr zu sehen: Dieter Staniek hat auch gefilmt und produziert derzeit einen Videobeitrag über das Flugplatzfest 2026. Sobald er fertig ist, verlinken wir ihn hier – es lohnt sich, noch einmal vorbeizuschauen.
Und schließlich danken wir allen Helferinnen und Helfern, die das ganze Wochenende mitgeholfen haben: beim Aufbau in den Tagen vor dem Fest, am Festtag selbst und am Sonntag, als mit derselben Selbstverständlichkeit wieder abgebaut wurde. Ein herzliches Dankeschön für Eure Unterstützung!
Das nächste Flugplatzfest findet 2027 statt. Wir freuen uns darauf – und hoffen dann auf zwei schöne Tage.
Gero Jentzsch · Fotos: Dieter Staniek, Ulrich Bienert, Aero-Club Grevenbroich-Neuss